Man sagt, es sei ein besonders romantischer Menschenschlag, der den Staat Maranhão im Nordosten Brasiliens bevölkert. Einer dieser Romantiker war der Dichter Gonçalves Dias, der seinen Lebensmittelpunkt Mitte des 19.Jahrhunderts im Städtchen Caxias hatte, jedoch vom brasilianischen Aussenministerium mehrmals auf Expeditionen nach Europa geschickt wurde. Das hat aus ihm einen hoffnungslosen Heimweh-Poeten gemacht, der in einem der berühmtesten brasilianischen Gedichte «Canção do Exilio» Folgendes zu Papier brachte: «Mein Land hat Palmen-Bäume/wo die Drossel singt./ Die Vögel die hier singen/singen nicht wie jene zu Hause».
Aline de Lima ist ein solches Vögelchen aus Maranhão, das singt, wie nirgendwo sonst in der Welt gesungen wird. Auch sie ist in Caxias zur Welt gekommen, auch sie ist eine heillose Romantikerin, die vom Leben in die weite Welt hinaus getrieben worden ist. Und auch sie setzt aus dem selbst gewählten Exil zu einer Ode an die Heimat an, wenn sie etwa im Lied «Maré de saudade» («Welle des Heimwehs») in poetischem Überschwang die Sonnenuntergänge und das Licht ihrer Geburtsstadt besingt.
Marc Ribot groovt mit
Eine Sentimentalität, die Aline de Lima in ihrer Musik indes gut zu dosieren weiss. Sie beherrscht die brasilientypische Kunst der Synchronisation von Melancholie und Zuversicht vortrefflich, wie sie auf ihrem viel gelobten, 2006 erschienenen Erstling «Arrebol» (Musikvertrieb) eindrücklich unter Beweis stellt.
Ihre Musik ist nur ansatzweise im Bossa Nova verhaftet, von ihm bezieht sie ihre leicht unterkühlte unnahbare Schönheit. Doch in diese Anmut mischen sich immer wieder auch Spurenelemente aus der brasilianischen Populärmusik, höchst dezent eingestreute Elektronik und zuweilen gar eine wunderliche Art des New-York-Funk, wie etwa im Stück «O bloco do meu bem», in welches sich unter vielen anderen Gästen auch der einstige Tom-Waits-Gitarrist Marc Ribot miteingegroovt hat. Kein Wunder: «Arrebol» wurde in New York unter Mithilfe der Musikerlegende Vinicius Cantuaria eingespielt, ein Brasilianer, der sich in der New Yorker Avantgarde-Szene um Leute wie Bill Frisell oder Arto Lindsey einen illustren Freundeskreis aufgebaut hat.
Bossa Nova auf Schwedisch
Doch allzu viel Avantgarde lässt Aline de Lima in ihrer Musik denn doch nicht zu. Auf ihrem neuesten Werk, dem im April auf dem französischen Label Naïve (auf dem unter anderem auch Seu Jorge, der momentane Günstling der neuen brasilianischen Musik, veröffentlicht) erscheinenden «Açai» kreuzt sie zwar durch schier sämtliche Territorien der Weltmusik, doch einen Abstecher in die Moderne unternimmt sie dabei nicht.
Dafür singt sie auch schon mal in ihren beiden neuen Schwestersprachen Französisch und Schwedisch, zuweilen pulsiert ein veritabler Samba-Rhythmus durchs Geschehen oder es erklingt ein asiatisches Saiteninstrument, das vermutlich ihr neuer Produzent, der Japaner Jun Miyake, ins Studio mitgebracht hat.
Als massgeblicher Inspirationsquell ist aber nach wie vor die Musik ihrer Heimat im sonnigen Nordosten Brasiliens auszumachen. Ein Erbe, das seinerseits genetisch reichlich durchmischt ist, und von der Musik der Indios ebenso geprägt ist wie von afrikanischen und europäischen Elementen.
Und wie es sich für eine Heimweh-Poetin aus Maranhão gehört, spielen auch ihre aktuellen Texte eher unter der brasilianischen Sonne als im Pariser Nebel oder in der schwedischen Polarnacht.
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